Börsen-Zeitung: "Bei der Finanzierung an die Börse denken"

20. Nov 2017

Börsen-Zeitung: "Bei der Finanzierung an die Börse denken"Hauke Stars, Mitglied des Vorstands, Deutsche Börse AG

Titel: Hauke Stars, Mitglied des Vorstands, Deutsche Börse AG

Der Mittelstand hat es selbst in der Hand, seine Wettbewerbsfähigkeit zu verteidigen - Digitalisierung als Chance begreifen

Der deutschen Wirtschaft geht es gut. Seit 2013 gewinnt der Aufschwung an Stärke. Schätzungen zufolge wird das reale Bruttoinlandsprodukt im kommenden Jahr um 2,0 % wachsen, und rund 44,6 Mio. Menschen werden erwerbstätig sein – ein neuer Beschäftigungsrekord. Als Rückgrat der deutschen Wirtschaft tragen die mittelständischen Unternehmen erheblich zu diesem wirtschaftlichen Erfolg bei, denn sie erwirtschaften mehr als die Hälfte der Nettowertschöpfung und stellen fast 60 % der deutschen Arbeitsplätze.


Präzise, verlässlich, spezialisiert – mit diesen Eigenschaften hat der traditionsreiche Mittelstand das Qualitätssiegel „Made in Germany“ entscheidend geprägt. Die Auftragsbücher sind voll und die Unternehmen international wettbewerbsfähig. Doch auf dieser Momentaufnahme kann sich der deutsche Mittelstand nicht ausruhen. Denn er steht auch vor der Aufgabe, die eigenen Geschäftsmodelle an die Herausforderungen einer digitalen Zukunft anzupassen. Das betrifft insbesondere die nächste Entwicklungsstufe, die mit dem Begriff Industrie 4.0 umrissen wird.

Richtige Weichen stellen

Die digitale Vernetzung von Menschen, Maschinen und industriellen Prozessen gilt als eine der fundamentalsten Veränderungen im verarbeitenden Gewerbe. Mit der Digitalisierung der Produktion sind hohe Erwartungen verknüpft: Sie soll für einen Wachstums- und Produktivitätsschub sorgen, die Innovationskraft steigern und die globale Wettbewerbsfähigkeit sichern. Die Förderung der Konjunktur ist wiederum die Grundlage für neue Arbeitsplätze. Das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO beziffert das Potenzial für die Gesamtbruttowertschöpfung durch die Industrie 4.0 auf eine Steigerungsrate von 11,5 % im Jahr 2025 im Vergleich zu 2013. Das bedeutet, dass der Gesamtwert der im Produktionsprozess erzeugten Waren und Dienstleistungen durch die Digitalisierung deutlich steigen könnte, wenn Unternehmen die richtigen Weichen stellen.

So weit die Theorie. In der Praxis sind viele Mittelständler bei der Umsetzung der Digitalisierung zögerlich. Das betrifft den Industriesektor, die Medienbranche, den Handel oder das Gesundheitswesen. Laut einer Studie der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) aus dem Jahr 2016 befinden sich 32 % der Mittelständler noch im Grundstadium der Digitalisierung, und 49 % nutzen lediglich einzelne digitale Anwendungen. Zu groß ist die Unsicherheit bezüglich der Anforderungen an das eigene Geschäftsmodell, notwendige Spezialisten fehlen, und der hohe Investitionsbedarf ist ein weiteres Hindernis.

Diese Hemmungen sind nachvollziehbar. Letztlich stellt sich den Unternehmen allerdings nicht die Frage, ob die Digitalisierung notwendig ist, sondern die Frage nach dem Zeitpunkt für die digitale Umstellung. Mittelständische Unternehmen, die im Zeitalter disruptiver Erneuerung bestehen wollen, müssen Mut zur Veränderung haben und die Bereitschaft zeigen, zu investieren. Bei der Finanzierung stellt sich die Frage nach einer passenden Strategie.

Der Mittelstand denkt bekanntlich nachhaltig und langfristig. Dieser Ansatz sollte auch für die Finanzierung gelten. Das Niedrigzinsumfeld erleichtert derzeit den Zugang zu Krediten, die schnell und zu günstigen Konditionen zu bekommen sind. Die jüngsten Zinsanpassungen der US-Notenbank erinnern jedoch daran, dass das niedrige Zinsniveau nicht von Dauer sein muss. Bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr hat die Federal Reserve den Leitzins angehoben. Die Spanne liegt inzwischen bei 1,0 bis 1,25 %. Mittelständische Unternehmen sollten ihre Finanzierungsbasis also rechtzeitig breiter aufstellen.

Wichtiger Baustein

Die Börse ist ein wichtiger Baustein einer nachhaltigen Finanzierungsstrategie. So ermöglicht der Börsengang großvolumige und durch Kapitalerhöhungen oder die Emission von Anleihen wiederholbare Finanzierungen. Das hilft vor allem mittelständischen Unternehmen die Investitionen aufzubringen, die dynamische und durch Digitalisierung geprägte Märkte erfordern. Ein Börsengang in wirtschaftlich guten Zeiten kann zudem Finanzierungsengpässe verhindern, wenn die Kreditvergabe durch Banken restriktiver oder zu ungünstigen Konditionen erfolgt. Gleichzeitig steigert ein Börsengang den Bekanntheitsgrad und die Reputation des Unternehmens und seiner Produkte. Die Folge: Bessere Absätze sind möglich, der Zugang zu Talenten wird leichter, die Wettbewerbsfähigkeit steigt.

Unternehmen und Investoren zusammenzubringen – das ist die zentrale Aufgabe einer Börse. Sie erfüllt damit eine wichtige Funktion für die gesamte Volkswirtschaft und trägt wesentlich dazu bei, Wachstum und Innovation zu fördern. Die Anforderungen, die Unternehmen heute an eine Börse stellen, sind gestiegen und vielfältiger als zuvor – längst geht es nicht nur um den Börsengang. Die Deutsche Börse hat ihr Angebot entsprechend erweitert.

Das Deutsche Börse Venture Network®, das Start-ups mit Investoren zusammenbringt, und das Segment Scale für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sind Initiativen der Deutschen Börse, die aus dem Dialog mit der Bundesregierung und Unternehmen hervorgegangen sind. Beide Initiativen tragen in Deutschland zu einem besseren Umfeld für Finanzierungen und Börsengänge bei: Zwei der diesjährigen Neulinge an der Frankfurter Wertpapierbörse stammen aus dem Deutsche Börse Venture Network, wovon ein Unternehmen in Scale notiert ist. Zwei weitere Unternehmen wählten bislang ebenfalls das neue KMU-Segment. Voraussichtlich wird noch im Herbst die Anzahl der Börsengänge aus dem vergangenen Jahr übertroffen (2016: neun Börsengänge) – und die Aussichten für 2018 bleiben gut.

Oben auf der Agenda

Auch wenn erste Erfolge sichtbar sind, bleibt viel zu tun, um mehr Börsengänge in Deutschland zu haben. Ihn als Möglichkeit der Unternehmensfinanzierung zu stärken, steht weit oben auf der Agenda der Deutschen Börse, die hier weiterhin den Dialog mit der Bundesregierung suchen wird. Denn in drei Bereichen müssen Rahmenbedingungen verbessert werden, deren Stellschrauben die Politik bedient:

Erstens: Derzeit sind Fremdkapitalzinsen als Aufwand steuerlich absetzbar, wodurch der Gewinn und damit die Steuerlast gemindert werden. Ein vergleichbares Instrument für Eigenkapital fehlt hingegen. In Belgien kann beispielsweise ein fiktiver Zinsaufwand auf das Eigenkapital von der Bemessungsgrundlage abgezogen werden. Eine steuerliche Gleichstellung von Eigen- und Fremdkapital wäre ein Anreiz zur Steigerung der Eigenkapitalquote in den Unternehmen.

Zweitens: Der Börsengang und die Börsennotiz sorgen für einen hohen bürokratischen Aufwand, der Geld kostet. Erleichterungen im Rahmen der EU-Prospektverordnung, insbesondere für mittelständische Unternehmen, wären denkbar und angebracht. Außerdem sollte die Verhältnismäßigkeit der zahlreichen Veröffentlichungspflichten zum Marktmissbrauch oder zum Übernahmerecht geprüft werden. Diese Punkte sprechen zwar nicht grundsätzlich gegen einen Börsengang, aber es sind zusätzliche Hürden im Vergleich zu alternativen Finanzierungsinstrumenten.

Drittens: Die Förderung der Aktienkultur ist im Hinblick auf mehr Börsengänge sehr wichtig. Dies schließt die stärker aktienorientierte Altersvorsorge und die Verbesserung der steuerlichen Rahmenbedingungen von Aktienerträgen ein. Steuerliche Anreize können dafür sorgen, dass der langfristige Besitz von Aktien attraktiver wird. Italien macht es vor: Für individuelle Sparpläne, die unter der Bezeichnung „PIR“ firmieren, müssen Anleger keine Steuern auf ihre Gewinne zahlen, sofern sie das Geld für fünf Jahre anlegen. 70 % der Gesamtsumme müssen in Aktien italienischer Unternehmen oder Unternehmen mit einer festen Betriebsstruktur in Italien fließen. Ziel ist, den italienischen Mittelstand bei der Finanzierung zu unterstützen. Und die Strategie geht auf, denn bis Ende des Jahres werden wohl mehr als 10 Mrd. € in den PIR-Fonds angelegt sein.

Mittelstandsunternehmen sind für Investoren sehr attraktiv, denn sie sind in der Regel wachstumsstark, handeln generationenübergreifend und haben nachweislich erfolgreich Krisensituationen gemeistert. Dies spiegeln auch die Aktienkurse von in Deutschland börsennotierten Familienunternehmen wider. Der DAXplus® Family 30-Index, in dem die 30 größten und liquidesten Familienunternehmen zusammengefasst sind, entwickelte sich seit 2003 ähnlich gut wie der MDAX® und besser als der DAX®. Außerdem war der maximale Kursrückgang in den letzten fünf Jahren im Vergleich am geringsten und die Volatilität niedriger als im DAX. Der gute Ruf der deutschen Ingenieurskunst zieht sowohl nationale wie internationale Investoren an.

Der deutsche Mittelstand hat es selbst in der Hand, seine Wettbewerbsfähigkeit und Spitzenposition in vielen Bereichen zu verteidigen, indem er die Digitalisierung als Chance erkennt. Das geht nicht ohne (hohe) Investitionen, die eine passende und diversifizierte Finanzierungsstrategie erfordern. Die Eigenkapitalfinanzierung über die Börse sollte ein wichtiger Baustein sein. Eine Verbesserung der Rahmenbedingungen kann die Kapitalaufnahme erleichtern. So wird der Mittelstand auch in Zukunft das Kernstück einer erfolgreichen deutschen Wirtschaft sein.

Hauke Stars, Vorstandsmitglied der Deutsche Börse AG
Der Artikel erschien zuerst in der Börsenzeitung vom 18.11.2017