Focus Money ETF-Magazin 03/2016: „Schutz in volatilen Zeiten", Interview mit Dr. Martin Reck, Managing Director, Deutsche Börse AG

12. Sep 2016

Focus Money ETF-Magazin 03/2016: „Schutz in volatilen Zeiten", Interview mit Dr. Martin Reck, Managing Director, Deutsche Börse AG

Titel: Dr. Martin Reck, Managing Director Deutsche Börse Cash Market

Der Tag nach dem Brexit sorgte für eine hoch volatile Stimmung an den Börsen, auch im ETF-Handel gab es zahlreiche Kurseinbrüche  im zweistelligen Prozent-Bereich. Wie stark fordert das die Infrastruktur einer Börse?

Der 24. Juni war sicherlich ein besonderer Tag an der Börse. Die hohe Volatilität hat dazu geführt, dass unsere Schutzmechanismen im Xetra-Handel außergewöhnlich oft zum Einsatz kamen. Unser System ist ähnlich stark beansprucht worden wie während der Finanzkrise im Jahr 2008 oder im August 2015, als es nach heftigen Kursbewegungen in China weltweit zu starken Schwankungen an den Börsen kam. Für unsere Xetra-Technologie stellten Handelstage mit hoher Systemlast jedoch noch nie ein Problem dar.

Welche Schutzmechanismen sind das, die an solchen Tagen zum Einsatz kommen?

Ein ganz wichtiger Schutzmechanismus im fortlaufenden Handel ist die Volatilitätsunterbrechung durch eine Auktion, die den Handel sozusagen entschleunigt und dem Markt in hektischen Phasen Zeit zur Orientierung gibt.  

Wann wird eine Volatilitätsunterbrechung ausgelöst?

Jedes Wertpapier im Xetra-Handel verfügt über Preiskorridore, die parallel zur Preisentwicklung im fortlaufenden Handel Geltung haben – einen statischen und einen dynamischen (s. Grafik).  Der statische Korridor wird um den Eröffnungspreis gelegt und ist relativ weit. Der dynamische Korridor ist enger und legt sich um den letzten entstandenen Preis. Würde nun bei der nächsten Preisfeststellung einer dieser Korridore überschritten, wird die Volatilitätsunterbrechung ausgelöst. Vom Fortlaufenden Handel wird dann in eine mindestens zweiminütige Auktion gewechselt.

Schützender Korridor: Jedes Wertpapier hat einen statistischen und einen dynamischen Preiskorridor. Verlässt der Kurs einen der beiden, wird die Volatilitätsunterbrechung ausgelöst.

Der Handel wird also kurzzeitig ausgesetzt?

Nein, genau das ist nicht der Fall. Die Marktteilnehmer können während der Auktion weiterhin Orders und Quotes eingeben, ändern oder löschen. Ebenso werden in der Auktion weiterhin indikative Preise angezeigt, die den Marktteilnehmern Orientierung geben, wohin sich das Papier aktuell bewegt. Das sind entscheidende Vorteile zu einer Handelsaussetzung, bei der die Marktteilnehmer nicht mehr handlungsfähig sind. Eine Aussetzung führt in aller Regel zu einer noch höheren Unsicherheit am Markt und damit zu einer noch höheren Volatilität.

Und wie geht es nach einer Volatilitätsunterbrechung weiter?

Am Ende der Volatilitätsunterbrechung erfolgt dann die Preisermittlung in der Auktion und der fortlaufende Handel kann wieder aufgenommen werden. Liegt der ermittelte Preis aber weiterhin außerhalb eines zuvor definierten Korridors, wird in eine erweiterte Volatilitätsunterbrechung gewechselt. In diesem Fall schaltet sich dann unsere Marktsteuerung ein und löst die Situation nach Rücksprache mit den Marktteilnehmern.

Gibt es denn weitere Mechanismen, die Anleger auch an Handelstagen mit niedriger Volatilität schützen?

Die gibt es – und zwar entlang der gesamten Prozesskette im Börsenhandel. Das fängt bei der Ordereingabe an: Hier prüft Xetra jede Order auf Plausibilität um zu vermeiden, dass beispielsweise Limit und Volumen bei der Eingabe vertauscht wurden. Zudem sorgt ein variabler Drossel-Mechanismus dafür, dass die maximale Orderzahl pro Sekunde für einen Teilnehmer technisch begrenzt ist, um das Gesamtsystem nicht zu verlangsamen. Bei der Orderausführung wiederum sichert die unabhängige Handelsüberwachungsstelle, kurz HüSt, jedem Anleger eine faire Preisfeststellung nach dem börslichen Regelwerk zu. Und im Nachhandel sorgt unser Clearing-Haus dafür, dass Risiken minimiert und die Wertpapiere auch tatsächlich geliefert und gezahlt werden.