Aktienkultur: Deutschland darf nicht weiter zurückfallen

15. Aug 2017

Aktienkultur: Deutschland darf nicht weiter zurückfallenAuf Basis einer Rede von Dr. Joachim Faber

Titel: Dr. Joachim Faber

Der deutsche Kapitalmarkt ist nicht ausgelastet

Zu Beginn eine einfache Zahl: das Verhältnis des Wertes aller inländischen börsennotierten Unternehmen zum Bruttoinlandsprodukt. Das ist eine wichtige Messgröße dafür, wie stark der Kapitalmarkt zum wirtschaftlichen Erfolg eines Landes beiträgt.

 

  • In Deutschland lag dieser Anteil 2016 bei knapp 50 Prozent. Das ist im internationalen Vergleich ein sehr niedriger Wert.
  • In den USA ist dieser Wert mit 147 Prozent drei Mal so hoch,
  • in der Schweiz mehr als vier Mal so hoch: 213 Prozent,
  • und selbst in Frankreich, dessen Wirtschaft noch in vielen Teilen nicht vom Markt, sondern vom Staat und von den Gewerkschaften bestimmt wird, liegt der Wert höher als hierzulande, in Deutschland: bei über 87 Prozent.

Diese Zahlen bedeuten nicht, dass wir in Deutschland unbedingt Schweizer oder amerikanische Verhältnisse einführen sollten. Nein – dazu ist unsere Wirtschaft zu erfolgreich. Aber eine andere Schlussfolgerung lässt dieser Vergleich durchaus zu: Wir Deutschen nutzen den Kapitalmarkt noch längst nicht in dem Maße, wie wir das könnten.

Deutschland und die EU fallen im globalen Vergleich zurück

Deshalb laufen wir Gefahr, im globalen Wettbewerb zurückzufallen. Das zeigt eine neue Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC:

  • 55 Unternehmen von den 100 nach ihrer Marktkapitalisierung größten Unternehmen der Welt sind US-amerikanisch.
  • Unter den Top 10 stammen sogar alle aus den USA. Das liegt an so bekannten Namen wie Apple, Microsoft, Amazon und Alphabet – der Holding, zu der Google gehört.
  • Aber auch große Kapitalsammelstellen wie Berkshire Hathaway befinden sich ganz an der Spitze dieser weltweiten Rangfolge – und genau an solchen Sammelstellen mangelt es in Europa!
  • Die Folge: Deutschland befindet sich in absoluten Zahlen auf Platz 7 der Länder mit Unternehmen, deren Marktkapitalisierung zu den obersten 100 zählt – hinter den USA, China, Großbritannien, der Schweiz, Frankreich und Japan.
  • Schlimmer noch: Seit 2008, dem Jahr der Finanzkrise, hat die Europäische Union ganze zehn Unternehmen aus den Top 100 verloren. Heute sind nur noch 22 Unternehmen aus der EU in dieser Rangliste vertreten.

Auf Dauer kann dies dazu führen, dass Europa in der weiteren Konsolidierung bestimmter Märkte mangels Größe einfach nicht mehr mitspielen kann. Die Zukunft der Weltwirtschaft wird dann nicht mehr in Frankfurt, Paris, Mailand oder Madrid entschieden, sondern in Shanghai, Hongkong, New York oder Chicago.

Aktienkultur in Deutschland: Potenzial nach oben

Der tiefere Grund für dieses Missverhältnis ist die Lebendigkeit der Aktienkultur. Wir Deutschen investieren wesentlich weniger in Aktien, als das anderswo der Fall ist. Das Deutsche Aktieninstitut erhebt regelmäßig den Anteil der erwachsenen Einwohner eines Landes, die in Aktien anlegen.

Diese Erhebung zeigt:

  • Der Anteil der Aktionäre hat 2016 mit lediglich 14 Prozent trotz steigender DAX®-Stände stagniert.
  • Nur jeder siebte Bürger – rund 9 Mio. Deutsche – besitzen Aktienfonds.
  • Immerhin ist die Zahl der Aktienbesitzer besonders im 2. Halbjahr 2016 gestiegen.
  • Dieser Trend dürfte sich im laufenden Jahr fortgesetzt haben. Aber die Zahlen dafür liegen erst Anfang 2018 vor.

In jedem Fall gilt: Die Aktienkultur in Deutschland ist weit weniger entwickelt als in vergleichbaren Ländern. Und die Kapitalmarktorientierung der Unternehmen ist im internationalen Vergleich schwach. Das bedeutet aber zugleich: Es gibt noch sehr viel Potenzial nach oben! Und damit auch Wachstumschancen für die Gruppe Deutsche Börse und den Finanzplatz Frankfurt.

Dieser Artikel basiert auf einer Rede vor dem Verband Familienunternehmen vom 31. Juli 2017.