CEO Interview

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Interview mit Adriaan Moelker, Vorstandsvorsitzender der BRAIN Biotech AG

Der Niederländer Adriaan Moelker ist seit dem Frühjahr 2020 Vorstandvorsitzender der hessischen BRAIN Biotech AG. Das 1993 gegründete Unternehmen gilt als ein Pionier der deutschen Biotechnologiebranche und hat sich früh dem Thema biobasierte Produkte und Produktionsprozesse verschrieben, genauer der Fähigkeit, auf Basis von Mikroorganismen, Enzymen und naturbasierten Substanzen natürlichere Produkte und nachhaltigere Prozesse zu entwickeln. Im Interview mit BIOTECH Insight beleuchtet Moelker die Einsatzgebiete Ernährung, Umwelt und Gesundheit.

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BIOTECH Insight: BRAIN ist auch für Biotechnologie-Insider nicht ganz einfach einzuordnen. Was macht BRAIN genau in der „industriellen Biotechnologie“ und was bieten Sie anderen Unternehmen in diesem Sektor an?

Adriaan Moelker: In der Tat ist unser Geschäft nicht ganz einfach zu verstehen. Das liegt zum einen daran, dass wir – im Gegensatz zu den meisten anderen Biotech-Unternehmen, unser Geschäft nicht auf eine einzelne Technologie gründen. Stattdessen halten wir ein breites Technologiespektrum samt zugehöriger profunder, wissenschaftlicher Expertise bereit und können entsprechend kreative Lösungen für viele Applikationsfelder entwickeln. Zum anderen haben wir in den vergangenen Jahren einige Unternehmen dazugekauft und unser Produktgeschäft ausgeweitet, was vielleicht für die, die uns als reinen Tech-Dienstleister kennen, noch ungewohnt ist.

BIOTECH Insight: Welche Produkte kann man sich da konkret vorstellen bzw. gibt es bereits, bei deren Herstellung BRAIN einen wesentlichen Anteil hat oder einmal haben soll?

Adriaan Moelker: Produkte, die Kunden bei Unternehmen der BRAIN-Gruppe kaufen können, sind vor allem fertige Enzymprodukte oder auch Starterkulturen für Fermentationen beispielsweise für die Lebensmittelindustrie. Daneben agieren wir am Standort Zwingenberg als Technologiedienstleister für die Industrie. Kunden kommen zu uns, wenn ihr mikrobieller Produktionsstamm, den sie für ihre Fermentation einsetzen, keine gute Performance liefert. Wir optimieren dann diesen Stamm nach den spezifischen Anforderungen des Kunden. Eine Kundenanforderung kann auch sein, einen Mikroorganismus zu finden, der eine ganz bestimmte Stoffwechselleistung vollbringt und ein Reaktionsprodukt liefert, das zum Beispiel als Ausgangsstoff für ein Produkt der chemischen Industrie eingesetzt werden kann.

BIOTECH Insight: Geht es noch genauer mit einigen Beispielen?

Adriaan Moelker: Es sind viele Produkte auf dem Markt bzw. Prozesse in der Industrie mit „BRAIN inside“, also an denen BRAIN einen Entwicklungsanteil hat. Generell fallen viele unserer Kundenprojekte in den Lebensmittelbereich, auch weil sich hier momentan so viel tut: weg von tierischen Lebensmitteln hin zu pflanzlichen. Beispiele für derzeit erfolgreiche Produkte der BRAIN-Gruppe sind Enzyme zur Brotherstellung, Milchverarbeitung und Käseherstellung, für die Fruchtsaftproduktion und für das Brauwesen. Unsere Kunden sind einige der größten Unternehmen in diesen Bereichen.

Ein konkretes Beispiel ist unsere Kooperation mit dem Berliner Foodtech-Start-up Formo: Wir liefern mit unserer unternehmenseigenen Genome-Editing-Technologie die Expertise für die skalierbare mikrobielle Produktion eines bioidentischen Milchproteins. Wir sprechen hier von der sogenannten Präzisionsfermentation. Das dabei gewonnene Protein wird die Basis zur Herstellung tierfreier Käseprodukte sein und einen entscheidenden Beitrag für eine nachhaltigere Ernährung leisten – was genau einer unserer Visionen entspricht: Wir wollen unsere Innovationskraft dafür einsetzen, industrielle Produkte und Prozesse nachhaltiger zu gestalten.

BIOTECH Insight: Können Sie auch mit Zahlen erläutern, in welchen Märkten BRAIN aktiv ist. Wie sehen Sie die Geschäftsentwicklungsmöglichkeiten in näherer Zukunft?

Adriaan Moelker: Wir kommunizieren unsere Umsatzzahlen nicht nach Märkten, sondern auf der Basis unserer beiden Geschäftssegmente: Unser F&E-Geschäft im Segment Bioscience brachte in den ersten beiden Quartalen des Finanzjahrs 2021/22 einen Umsatz von 5,8 Mio. Euro; mit unserem Produktgeschäft im Segment Bioindustrial haben wir in demselben Zeitraum einen Umsatz von 17,5 Mio. Euro erreicht. Wir erwarten in diesem Geschäftsjahr einen Umsatz der BRAIN-Gruppe von ca. 50 Mio. Euro, was einen Anstieg von rund 30% gegenüber dem vorherigen Geschäftsjahr bedeuten würde.

Die Märkte, auf die wir uns konzentrieren, betreffen Lebensmittel, Gesundheit und Umwelt, wobei der Großteil unserer Kunden aus der Lebensmittelindustrie stammt. Beispiele für erfolgversprechende Inkubatorprojekte bei BRAIN sind das mikrobiell hergestellte Protein Brazzein als Zuckerersatzstoff, Salzverstärker oder -ersatzstoffe und bioaktive Substanzen für antimikrobielle Anwendungen im Lebensmittelbereich.

Im Bereich Umwelt kommen unsere Kunden aus unterschiedlichen Industrien. Hier geht es darum, Industrieprozesse nachhaltiger zu gestalten, also zum Beispiel Produktionszeiten zu verkürzen oder den CO2-Ausstoß bzw. den Energieverbrauch zu reduzieren. Es geht aber auch darum, die Kreislaufwirtschaft zu fördern. Hier arbeiten wir beispielsweise mit einem Industriepartner daran, unser biologisches Verfahren für die Extraktion von Gold aus Abfallströmen für die kommerzielle Anwendung weiterzuentwickeln. Auch das Recycling von Lithium-Ionen-Batterien können wir mit unserer Biomining-Technologie nachhaltiger gestalten. Bei solchen Recycling-Ansätzen sehen wir ein großes Potenzial in der Zukunft.

BIOTECH Insight: Auf der anderen Seite stehen die Forschungs- und Entwicklungskosten sowie Akquisitionen. Eine „schwarze Null“ ist bei BRAIN noch nicht zu sehen, oder? Wann werden Sie diese Hürde erstmalig überspringen?

Adriaan Moelker: Wir haben mit den 6M-Zahlen eine sehr gute Nachricht kommuniziert, nämlich die, dass wir zum ersten Mal seit Jahrzehnten ein Plus beim bereinigten EBITDA erzielt haben. Das ist für uns ein großer Erfolg! Wir kommen außerdem bei unseren Pipeline-Projekten planmäßig voran und kommunizieren die Fortschritte dem Kapitalmarkt gegenüber regelmäßig. Dass uns eines dieser Projekte – unsere CRISPR-Technologie – einen enormen Vorteil in unserer Forschung und Entwicklung verschafft und wir die Technologie derzeit zu einer Plattform für ein Lizenzgeschäft ausbauen, wird vom Kapitalmarkt leider bislang noch nicht wirklich honoriert.

Angesichts der schweren Marktturbulenzen und der weltweit geschwächten Aktienmärkte müssen wir auch hier realistisch sein. Wir sind jedoch nach wie vor zuversichtlich, dass der Markt die großen Fortschritte anerkennen wird, die wir auf dem Weg zu einem nachhaltigen Wachstum von Umsatz und Profitabilität gemacht haben.

BIOTECH Insight: Sie persönlich waren schon viele Jahre im Enzymgeschäft aktiv, nun sind Sie bei BRAIN. Was ist das besondere wissenschaftliche oder technologische Herzstück hier, wo sehen Sie die Herausforderungen?

Antwort: Die Vielfalt an Technologien und die damit verbundenen wissenschaftlichen Kompetenzen, vereint in einem einzelnen Biotech-Unternehmen – das war für mich neu. Doch gerade diese Vielfalt an Möglichkeiten birgt auch bei anspruchsvollen Fragestellungen große Chancen auf Erfolg!

Den Standort Zwingenberg mit seinen Tech-Units kann man als eine Art wissenschaftliches oder technologisches Herzstück der BRAIN-Gruppe sehen; allerdings kann auch unser Tochterunternehmen AnalytiCon Discovery eine hohe wissenschaftliche Expertise in seinem Bereich Naturstoffchemie vorweisen. Unser Enzymgeschäft in Cardiff verfügt über ein umfassendes Know-how in den Bereichen Fermentation und Scale-up – eine technologische Kompetenz, die für die Vermarktung von Produkten absolut entscheidend ist.

BRAIN lässt sich also nicht mehr nur auf Zwingenberg reduzieren, wo wir Enzym-Discovery und -Engineering, Stammentwicklung, Wirkstoff-Screening und die Bioprozessentwicklung im Labormaßstab betreiben. Tatsächlich können wir inzwischen innerhalb der BRAIN-Gruppe unseren Kunden zunehmend vollumfängliche Lösungen anbieten, also weit mehr, als für sie ein großartiges neues Enzym oder eine bioaktive Substanz zu finden. In der Gruppe haben wir das Know-how, um den zugehörigen Produktionsprozess in einen Industriemaßstab zu skalieren – essenziell für den kommerziellen Erfolg des Kunden.

BIOTECH Insight: Im kommenden Jahr wird BRAIN 30 Jahre alt. Wie muss sich das Unternehmen positionieren, um auch in den nächsten Jahren in der industriellen Biotechnologie eine wichtige Rolle spielen zu können?

Adriaan Moelker: BRAIN Biotech hat gerade einen Transformationsprozess hin zu einem integrierten Unternehmen hinter sich – mit dem Ziel, sich für die Zukunft gut aufzustellen. Wir werden uns entsprechend weiterhin als ein Konzern positionieren, der der Industrie biobasierte Produkte und Lösungen für mehr Nachhaltigkeit im Unternehmen anbietet.

Tatsächlich müssen wir in unserer Kommunikation die Botschaft verstärken, dass wir uns von einem Bioarchiv-/Discovery-Unternehmen zu einem Lösungsanbieter entwickelt haben, der in der gesamten Wertschöpfungskette tätig ist: Wir verfügen inzwischen über ein bedeutendes Produktgeschäft und vor allem über eine Fermentationsanlage, die diese Entwicklung weiter vorantreiben wird.

Gerade vor dem Hintergrund, dass Enzyme – eine unserer drei Produktkategorien – von zentraler Bedeutung für das Erreichen der UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung sowie für das Erreichen der Klima- und Umweltverpflichtungen sind, sehen wir uns gut gerüstet für die Zukunft.

Adriaan Moelker (Jahrgang 1964, Nationalität: niederländisch) wurde Anfang Februar 2020 zum Vorstandsvorsitzenden der BRAIN Biotech AG bestellt. Vor seinem Wechsel hatte er zahlreiche Führungspositionen im Biotech-Bereich inne. Unter anderem war er bei der in Darmstadt ansässigen AB Enzymes GmbH neun Jahre lang als Geschäftsführer tätig, zuvor zwölf Jahre lang bei Genencor (heute IFF) und bei DSM im Enzymgeschäft.

 

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